• Anne Jelena Schulte

HERR JAKOB

Die Möbel hatten wir gemeinsam an die Wand gerückt, im Hintergrund spielte leise ein Radio. Auf einem Stuhl in der Zimmermitte saß jetzt der vierundneunzigjährige Herr Jakob. Ganz still saß er da, die dünnen Beine übereinandergeschlagen, die Hände auf den Knien gefaltet, der Blick aus den großen, wimpernlosen Augen unbestimmt in die Ferne gerichtet. Mein Freund Jonatan, der mich hierhergebracht hatte, fädelte ein Mikrofon unter Herrn Jakobs beigefarbenem Sweater hindurch, Tamar holte ein Klemmbrett mit Fragebögen aus ihrer Tasche. Die beiden wirkten wie Ärztin und Pfleger, Herr Jakob wie ihr schicksalsergebener Patient. Schon öfter hatte Jonatan mir angeboten, ihn zu einem seiner Interviews mit Holocaustüberlebenden zu begleiten. Tamar und er arbeiteten beide für Yad Vashem, er als Kameramann, sie als Historikerin. Zwei- bis dreimal die Woche fuhren sie quer durch Israel und filmten Überlebende für das Erinnerungs-Archiv. Herr und Frau Jakob hatten sich damit einverstanden erklärt, dass ich dem Gespräch beiwohnte, dennoch war ich nervös. Der Himmel über Tel Aviv hing dunstig-weiß über der Stadt, und irgendwie war er mit uns zusammen in dieses Zimmer gekrochen. Von Tamar wusste ich, dass das alte Ehepaar in demselben Ghetto in Rumänien überlebt hatte. Frau Jakob war die Woche zuvor interviewt worden und hatte Tamar elende Geschichten von diesem Ort erzählt. Nun ließ sie es sich nicht nehmen, uns zu bewirten. Die alte Dame mit den runzligen Wangen häufte auf dem Sofakissen rechts von mir Salzstangen, Milchbrötchen und einen Serviettenständer auf. Auf dem Beistelltischchen zu meiner linken stellte sie einen Nescafé ab. Dann humpelte sie mit dem leeren Tablett zurück in die Küche. »Tov«, sagte Jonatan, der auf der anderen Seite des voll beladenen Sofakissens saß und drückte einen Knopf an der Kamera, die auf einem Stativ vor ihm stand. Das Interview wurde auf Hebräisch geführt, doch Herr Jakob sprach so langsam, dass Jonatan mir das Erzählte simultan ins Englische übersetzen konnte. Er tippte die Antworten einfach in den Laptop auf seinen Knien. Frau Jakob saß jetzt so, dass sie und ihr Mann sich direkt anschauen konnten. Ihre hellwachen Augen waren in jeder Sekunde auf ihn gerichtet, und sobald er unsicher wurde, suchte er den Blickkontakt zu ihr. So nah waren sie sich dann, dass er die Gäste vergaß und ins Rumänische verfiel. So stützte sie ihren Mann bei seinem Gang in die Vergangenheit. Es war ein schwerer Gang. Herr Jakob hatte überlebt, er hatte sich als Ingenieur in Israel ein neues, gutes Leben aufgebaut. Bedingung dafür war offenbar, den Abgründen der Erinnerung auszuweichen. Auch jetzt versuchte er ihnen zu entkommen, indem er nur Geschichten preisgab, denen er ein gutes Ende hinzufügen konnte. So erzählte er mit leiser Stimme, dass er als Vierzehnjähriger als Zwangsarbeiter auf einem deutschen Flughafen arbeiten musste, und dass auch sein Vater zur Zwangsarbeit herangezogen wurde. Dann versuchte er ein kleines Lächeln: beide kamen frei, nachdem Verwandte die Behörden mit hohen Geldsummen bestochen hatten. I was lucky, erschien auf dem Computerbildschirm. Nach dieser Erzählung verstummte Herr Jakob. Hilflos schaute er Tamar an, so, als fragte er sich, was sie nun, da alles gesagt war, noch hören wollte. Er hatte überlebt. I was lucky. Was gab es dem hinzuzufügen? Tamar fragte nach dem Leben im Ghetto. Herr Jakobs einzige Antwort darauf war, dass er Fußball gespielt hatte, auch mit christlichen Kindern. I was a sportsman. Als Tamar sich nach dem Judenstern erkundigte, schaltete Herr Jakob auf schwerhörig. »Judenstern«, sagte sie lauter, das deutsche Wort benutzend. Ju-den-stern! Drei Silben wie drei metallene Schläge. Herr Jakobs Blick weitete sich, er schaute zu seiner Frau. Diese sagte etwas auf Rumänisch und stand auf. Der kahle Schädel, die altmodischen, geflochtenen Lederschuhe, die Hose, die über dem Bauch von einem Gürtel zusammengehalten wurde – schutzlos und einsam wirkte Herr Jakob auf seiner Wohnzimmerbühne. An der Wand hinter ihm hing eine Maskensammlung, die das Ehepaar von verschiedenen Reisen mitgebracht hatte: Eine Schlafende, die auf dem Kopf eine Stadt trug. Eine Junge, aus deren Mundwinkeln Flügel wuchsen. Eine Alte, die eine lange Pfeife rauchte. Eine mit einem schwarzen und einem weißen Auge. Eine mit verzerrter Mimik. Eine, der der Mund fehlte. Mit Herrn Jakob im Vordergrund wirkten sie wie die Erfahrungen eines langen Lebens, zu Traumbildern geronnen. Frau Jakob kehrte mit einem Foto zurück. Es zeigte ein Ehemaligen-Treffen der jüdischen Schule, die ihr Mann besucht hatte, Überlebende wie er. Irgendjemand hatte ihnen rote Rosen in die Hände gedrückt, die die Gesichter nur noch ernsthafter wirken ließen. Herr Jakob betrachtete das Bild, auf dem auch er selbst zu sehen war, ohne erkennbare Regung. Die Kamera war auf Pause gestellt. Jonatan ließ eine Dose Zitronenbonbons herumgehen, die ich aus Berlin mitgebracht hatte. Frau Jakob sprach mir so anerkennende Worte aus, als hätte ich sie selbst hergestellt, es war eine seltsame Atmosphäre. Zeiten, Orte, Generationen begannen sich in diesem Raum zu überlappen. Deutsche Bonbons lutschend warteten wir darauf, dass Herrn Jakobs Erinnerungen an das Überleben in einem jüdischen Ghetto in Rumänien geweckt würden. Als die Kamera wieder lief, fragte Tamar erneut nach dem Judenstern. Herr Jakob löste den Blick von seiner Frau und schaute zu Boden. Langsam zog er Wort für Wort aus dem verblichenen Teppich: »Wir fühlten uns wie Menschen zweiter Klasse.« Noch langsamer sagte er: »Ich mochte den Stern nicht.« Er starrte so paralysiert auf den Teppich, als würde dieser eine Falltür verbergen. Wieder rettete ihn der Gedanke an den Fußball, er habe nicht aufgehört zu spielen, auch nicht, als die christlichen Kinder fernblieben. Das, worauf Tamar hoffte, dass er Details erzählen würde vom Alltag im Ghetto, von den rumänischen Faschisten, vom Einmarsch der Deutschen, von den Erniedrigungen und Ängsten, die sie durchstehen mussten, von ihrem Überleben, lieferte er ihr nicht. Nur, als sie ihn nach den Namen seiner Familienmitglieder fragte, musste er die Worte erneut dem Teppich entnehmen: »Rebecca«, sagte er, »Rebecca war die Schwester meiner Mutter. Sie und ihr Mann wurden nach Trinistrien gebracht. Sie kamen nie wieder zurück.« Herrn Jakobs Unterlippe zitterte. Der Anblick war schwer zu ertragen, und als er von Rebecca direkt in die Nachkriegszeit sprang, »die Russen haben uns gerettet«, hielt Tamar ihn nicht davon ab. Von der Nachkriegszeit erzählte Herr Jakob freimütig, mit lebendiger Empörung in der Stimme. Fünfzehn Jahre lang musste er warten, bis die rumänischen Autoritäten ihm erlaubten, seiner Familie nach Israel zu folgen. Sie wollten seine Arbeitskraft als Ingenieur im Land halten. Zur Strafe für seinen Auswanderungswunsch wurde er auf eine schlechtere Position versetzt. Von den Kommunisten war er schlecht behandelt, aber nicht mit dem Leben bedroht worden, dachte ich. Also fand er Worte. Als Tamar zusammenpackte, sagte er: »Wir haben mit unserer Tochter nie über den Krieg gesprochen.« Wahrscheinlich hatte er in seinem ganzen Leben nicht so viel über die Vergangenheit geredet wie heute. Noch im Wohnzimmer schnitt Jonatan das Material zusammen und überreichte Herrn Jakob eine Dose, die einen Stick mit einer Kopie der Aufzeichnungen enthielt. Herr Jakob nahm den Stick in die Hand, betrachtete ihn lange und legte ihn dann so vorsichtig in das Schaumstoffbett zurück als sei er aus Porzellan. Seine Erinnerungen, so spärlich sie auch waren, waren von nun an in eine Dose gebannt. Anschließend nahm er ein Familienfoto vom Couchtisch, und seine Stimme hob an zu einem brüchigen Singsang: »Dank unserer Enkel sind wir glücklich!« Dann tappte er voll verkabelt davon. Jonatan sprang ihm hinterher und befreite ihn von dem Mikrofon. Wir stellten die Möbel zurück an ihren gewohnten Ort, Herrn Jakobs Reise in die Vergangenheit war beendet. Als wir die Wohnung verlassen hatten, schaute Tamar mich entschuldigend an. Herr Jakob habe sich eben nicht erinnern wollen, das komme manchmal vor. Dann fügte sie hinzu: Sie hoffe, dass es nicht langweilig gewesen sei für mich. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Wie kam sie darauf, dass ich irgendetwas erwartete? Herr Jakob hatte den Nazis getrotzt, indem er dem Fußball mehr Macht über seine Biografie einräumte als ihnen. Dieses Recht hatte er sich auch heute nicht nehmen lassen. Die Straße lag leer in der Mittagshitze, zwischen den Zäunen lugten rotblühende Sträucher hervor. Ich schaute noch einmal hoch zu dem kleinen Küchenfenster, hinter dem Herr und Frau Jakob sich jetzt vermutlich ihr Essen zubereiteten. 400.000 Juden, so las ich später nach, sind in Rumänien ermordet worden. Jonatan verstaute seine Kamera im Kofferraum, Tamar zog sich ihren Lippenstift nach. Dann fuhren wir los.



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